Es gibt Dinge, die versteht man erst im zweiten Anlauf.

Zum Beispiel als ich aus der Schweiz zum ersten Mal die Bezeichnung “Dichtestress” gehört habe. Mir war sofort klar, dass damit die Kassenschlange beim Coop gemeint ist. Man muss von einem Glückstag sprechen, wenn einem der ungeduldige Hintermann (oder -frau) den Einkaufswagen nicht hinten in die Achillessehne drückt. Und wehe, man beugt sich kurz nach links weg, um während dem Warten nach einem Kaugummi-Päckli zu greifen. Das wird sofort mit einem aggressiv-rücksichtslosen Überholmanöver bestraft. Inklusive finsterem Mahnblick.

Erst viel später hat mich ein Schweizer Tourist über die wahre Bedeutung aufgeklärt. Aber wenn man in einer 14 Mio Multi-Kulti-Metropole lebt wie Los Angeles, ist das Missverständnis sicher entschuldigt.

Aber auch hier passieren selbstverständlich unverständliche Sachen. Jeden Dienstag vor unserem Haus zum Beispiel: der nervtötende Aufschrei eines Benzin-Laubbläsers.

Dazu muss man wissen, dass der Unterhalt von Umschwung und Garten hier drüben ein angesehenes Geschäftsmodell ist. Es ist in festen Händen der mexikanischen Gartenpflege-Profis. Zu Ihrem Leidwesen gibt es kaum Laub im Südkalifornischen Halbwüstenklima mit ausschliesslich Busch und Palmenwuchs.

Nachdem aber vorallem reiche Europäer ihre Gärten mit importierten Laubbäumen bereichert und nun mit viel Wasser verwöhnen, gibt es eine geringe Menge vom extrem raren Rohstoff “Laub”. Seither blasen die Gartenpfleger die paar wenigen Blätter von einem Nachbar zum nächsten und erschaffen sich somit ein fortlaufendes Geschäft. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass das wenige Laub AUF GAR KEINEN FALL mit einem Besen und Kübel aufgelesen und entsorgt wird.

bl

Letzten Montag habe ich die vom Nachbarhaus ankommenden Blätter aus Frust vom Gestank, Lärm und Sinnlosigkeit mit einem Besen zusammengewischt und im Container versteckt. Aus Rache haben mir die für unser Haus zuständigen Bläser am Dienstag kurzerhand das Internetkabel mit der elektrischen Gartenschere zerschnitten. Auge um Auge halt.

Seither lasse ich die Blätter wieder unberührt liegen und schaue, dass ich Dienstags von 10 bis 14 Uhr meine Lebensmitteleinkäufe erledige. Und da in Amerika der Abstand zwischen Wartenden beim Schlange stehen gefühlte 2 Meter sind, bleibe ich so auch gleich vom Dichtestress verschont.

Danke fürs Lesen.
René