Hallo. Mein Name ist René. Ich arbeite als Ernährungstherapeut und leide an unkontrolliertem Essen (auf Englisch: binge eating). Als ich letzten Herbst meinen letzten Rückfall hatte, habe ich mich entschieden, meinen Job an den berühmten Nagel zu hängen.

Ich sehe mich immer als Betrüger, wenn ich dem Verlangen nach den schnellen Kohlenhydraten nachgegebe. Ist der Dammbruch einmal passiert gibt es in der Regel kein aufhalten mehr. Während einer solchen Attacke esse ich problemlos eine dreiviertel Büchse Nutella mit einem ganzen Weissbrot-Parisette, eine Pizza mit einer Packung Mais-Chips, und zum “Dessert” eine Tafel Schokolade und eine Packung Güezi.

Alles Esswaren, welche auf meiner Empfehlungsliste für eine gesunde Ernährung nirgends zu finden sind. Aber auch Fachwissen schützt leider nicht vor einer Essstörung.

In den vergangenen 2 Jahren hatte ich Monate ohne einen einzigen Rückfall. Während diesen guten Phasen esse ich kohlenhydratearm und je nach Saison (vor allem im Winter) sogar ketogen. Ohne irgendwelche Probleme. Ich fühle mich jeweils grossartig und auch beim Sport sind die Erfolge sehr motivierend.

Bis es dann wieder passiert.

Das Verlangen nach den fiesen Krankmachern baut sich langsam auf. Zuerst ist es vielleicht nur ein flüchtiger Gedanke nach einem Eingeklemmten (sprich Sandwich für die Nicht-Schweizer). Oder mein Blick verharrt beim Einkaufen ein bisschen zu lang über der Auswahl an Honig und Konfitüre. Häufen sich solche “Zufälle” weiss ich, dass sich ein neues Kohlenhydrate-Überessen-Gewitter am Himmel zusammenbraut. Ich kann den Einbruch oft noch über Tage oder sogar Wochen hinauszögern. Aber wie bei einem echten Gewitter, lässt es sich schlussendlich kaum je aufhalten.

Im allerbesten Fall ist das Gewitter nach einem Abend vorbei. Doch während meiner schlimmsten Zeit, hielten sich solche unkontrollierte Essphasen auch schon über Tage oder Wochen.

Heute weiss ich, dass auch mein Herzstillstand vor 8 Jahren (2008) der letzte umfallende Dominostein gewesen ist. Und mein viel zu hoher Konsum von leeren Kohlehydraten spielte neben anderen Stressfaktoren eine mitentscheidende Rolle am Auslösen der Kettenreaktion.

Nach einem unkontrollierten Essen, schäme ich mich jeweils vor mir selbst. Ich weiss, dass ich mir und meiner Gesundheit mit diesem Verhalten schade. Ich leide jeweils an Durchfall, fühle mich aufgebläht, kraftlos und auch gefühlsmässig ausgelaugt. Habe ich Pech, bestraft mich das überforderte Immunsystem zusätzlich noch mit Fieberbläschen im Mund, an den Lippen oder in der Augenpartie.

Meistens benötige ich 3 bis 4 “saubere” Tage, bis ich mich einigermassen besser fühle.

Körperlich und geistig.

Dass ich ein Problem mit Kohlehydraten (z.Bsp. Brot, Gebäck, Pizza, Teigwaren, Müsli, Honig, etc.) habe, wurde mir allerdings erst vor 6 Jahren klar. Während meiner Ausbildung zum Ernährungstherapeuten stand mir damals ein 30-Tage-Challenge mit möglichst wenig Kohlehydraten bevor. Und ich konnte mir schlicht und einfach nicht vorstellen, wie ich das durchstehen sollte.

Wäre hingegen ein 30-Tage-Lauchgemüse-Verzicht verordnet worden, hätte mich ein Lächeln gekostet. Wie Dir wahrscheinlich auch.

Falls Du meine Page “Über mich” gelesen hast, weisst Du, dass ich meine Abhängigkeit von Kohlehydraten zuerst mit Qualität lösen wollte. Ich habe mir nur noch Bio-100korn-Brote gekauft, bis ich später sogar eine eigene Heim-Getreidemühle angeschafft habe, um meine bevorzugten Getreideprodukte von A bis Z selber herzustellen. Hausgemachte Brote, Teigwaren, Pizzaböden und Müesliflocken gemäss uralten Originalrezepten von Dr. Bircher-Benner. Trotz diesem grossen Aufwand blieben Abende mit unkontrolliertem Essen ein ständiger Begleiter.

Ich erkläre mir heute diesen ersten Rettungsversuch in etwa so, als wenn ich einem unkontrollierten Trinker raten würde, den Ausstieg mit einem Umsteigen auf Bio-Wein und selbst-hergestelltem Bier zu versuchen.

Erst als der Frust und die Enttäuschung über meine Essstörung mich stärker belastete als der erwartete Trennungsschmerz (Entzug wäre wohl das passendere Wort), nahm ich die Herausforderung an. Ich stellte um auf eine Paleo-Ernährungsweise mit dem Verzicht auf sämtliches Getreide. Später folgte dann ein noch weitergehender Verzicht auf fast alle Kohlehydraten ausser Gemüse mit der ketogenen Ernährung. Dies erlaubte mir endlich die lang gewünschte Erfahrung: ein Leben ohne Ess-Attacken!

Ende gut, alles gut?

Leider nein…

Letzten Herbst hatte es mich wieder erwischt. Dieser enttäuschende Rückfall war für mich der Auslöser, keine neuen Kunden mehr anzunehmen und künftig nicht mehr als Ernährungstherapeut tätig zu sein.

Zum Glück dämmerte mir jedoch, dass ich gerade wegen meinem persönlichen Kampf das nötige Hintergrundwissen und Erfahrung habe, um anderen in ihren Gesundheitszielen vorwärts zu bringen.

So habe ich getan was ich auch auf dem Rennvelo tue, wann immer ich vor dem Aufgeben stehe: einen Gang höher schalten, aus dem Sattel gehen, durchtreten und schauen was passiert.

Und tatsächlich. Vieles hat sich seither verändert: Ich bin seit fast einem halben Jahr ohne Binge-Attacke geblieben, habe eine eigene Ernährungspraxis in der The Body Well Klinik in West-Hollywood eröffnet und arbeite an Ideen für weitere spannende Projekte in der Zukunft.

Als passender Abschluss mein Lieblingszitat:

It is not about how hard you can hit.
It is about how hard you can get hit
and keep moving forward.
How much you can take and keep moving forward.
That’s how winning is done.

Danke fürs Lesen,
René